Leon's Blog

„Ich gebe nur Denkanstöße...“

Gruppendynamik

Geschrieben am 26 Apr 2015

Vielleicht hast du schonmal irgendwo gelesen, oder gehört, dass E-Mails unproduktiv seien, und man lieber ein persönliches Treffen (oder, wie der Fachmann sagt “Meeting”) veranstalten soll. Vielleicht hast du auch schonmal gehört, dass Meetings unproduktiv seien, und der Weltwirtschaft jährlich einen Schaden in Milliardenhöhe einbringen.

Egal, wie man es macht, es ist verkehrt.

Eines dieser Sprichwörter, die jeder mal gehört hat, die aber zur Lösung des Problems rein gar nichts beizutragen haben.

Das Problem, dass ich im Laufe dieses Blogposts ansprechen möchte ist nichts neues, und ich bin natürlich nicht der Erste, der sich darüber aufregt. Deshalb gibt es auch einige Begriffe, die die Situation ganz gut beschreiben. Der Wohl bekannteste ist der Englische Ausdruck: Bikeshedding. Das kommt vom Wort “Bike Shed”, auf Deutsch “Fahrradschuppen”.

Worum geht es beim Bikeshedding? Das kann man ganz einfach an der Herkunft dieses Wortes erklären: Stell dir mal vor, du sitzt in einem Planungskommittee für ein neues Atomkraftwerk. Es gibt vieles zu besprechen, denn ein Atomreaktor ist bekanntlich kein leichtes Unterfangen. Vielen Mitgliedern des Teams ist die Komplexität des Themas schon längst über den Kopf gewachsen und so haben sie sich entschlossen, sich eher zurück zu halten. Dann kommt auf einmal ein weiteres, deutlich trivialeres Thema auf: Der Fahrradschuppen für die Mitarbeiter des Atomkraftwerks. Und plötzlich hat jeder eine Meinung: “Rot soll er sein”, “Nein quatsch, blau ist viel besser”, oder ähnliche unwichtige Details finden in der Diskussion Beachtung.

Der Namensgeber dieses Phänomens, C. Northcote Parkinson hat dazu in etwa gesagt: “Die Zeit, die ein Punkt auf der Agenda diskutiert wird ist umgekehrt proportional zur tatsächlichen Wichtigkeit dieses Themas.” (Gesetz der Trivialität) Übertragen auf das Beispiel: Es wird nach dem Bau Niemanden interessieren, wie der Fahrradschuppen aussieht. Erst recht nicht, wenn der Atomreaktor an sich nicht richtig funktioniert.

Und obwohl dieses Problem wirklich einleuchtend und bekannt ist, fallen wir (als Menschen) immer wieder und wieder darauf hinein. Bekannte Übeltäter sind Farben, oder Logos.

Ohhh ja… Logos. Ich meine, ja klar, das kennt ja jeder: Du gehst in ein Restaurant, das Essen ist kalt, die Bedienung ist unfreundlich und die viel zu laut gespielte Volksmusik geht dir auf die Nerven, aber das Logo. Herrlich. So schön rund, mit Schattierungen und der schlichten Farbpalette. Allein deshalb geht man doch gerne dahin. Oder? Nicht? Hmm… dann ist mir wohl irgendwo in den letzten Absätzen ein schwerer Denkfehler unterlaufen.

Wie du dir sicher denken kannst, schreibe ich diesen Blogpost nicht ohne triftigen Grund. Und das stimmt. In letzter Zeit habe ich mal wieder ein beziehungsweiße sogar zwei Glanzbeispiele aus dieser Rubrik gefunden. Was genau ist passiert?

Nun, es fing alles damit an, dass einer meiner Mitschüler die Worte “Studienfahrt” und “T-Shirt” gefährlich nahe beieinander gebracht hat. Viel zu nah. Sogar im selben Satz haben sie gestanden. Gut, das ist zwar der Stoff aus dem lange und schlimme Streits gestrickt sind, aber zuerst ist noch nichts passiert, es war größtenteils friedlich.

Jeder hat sich ein bisschen umgeschaut und ein paar Ideen gesammelt. Ich habe aus Spaß ein paar davon in die Tat umgesetzt. Dann kamen aber auch schon die ersten Streitpunkte auf.

T-Shirt oder Pulli?

Nun ja, ich dachte eigentlich, dass das einfach zu entscheiden wäre. Wir fahren im Mai bis Juni. Es ist warm. Pullis kosten mehr. Ja, richtig gelesen: dachte ich. Irgendwie fanden andere meine Argumentationsweiße eher weniger schlüssig. Gut, dieses Streitthema war aber schnell wieder vergessen. Denn es kam das nächste auf: Pullis haben Farben. Es gibt mehrere Farben. Aus diesen zwei unumstößlichen Sachverhalten entwickelte sich in Sekundenbruchteilen die nächste Frage.

Welche Farbe?

Nachdem meine Anmerkung, dass man sich diese Frage stellen sollte, nachdem man ein Motiv ausgesucht hat, erneut für nicht wichtig befunden wurde, war sogar dieser Punkt relativ schnell gelöst. Außer Grau und Weinrot waren die Farben, die zur Auswahl standen nicht wirklich akzeptabel. Und man entschied sich schnell für Weinrot als “was kreativeres”.

Ach ja, sagte ich am Anfang Motiv? Genau. Das war sie, die Königin der Streitpunkte.

Welches Motiv?

Spätestens jetzt ist alles hoffnungslos verloren. Und auch jetzt wurden einem die Grenzen des gewählten Kommunikationsmediums aufgezeigt. Oh, sagte ich aufgezeigt? Ich meine natürlich mit dem Vorschlaghammer vor die Stirn geknallt. Die Verständigungsmethode der Wahl war nämlich eine WhatsApp-Gruppe. Jap. Wenn sich noch einmal irgendjemand über die Inneffizienz von Meetings oder E-Mails auslassen will, dann sollte man ihm mal eine WhatsApp-Gruppe zeigen. Während jeder Teilnehmer erst nach frühestens 60 Minuten auf eine ernst gemeinte Frage reagiert, wird dies durch die Anzahl der parallell ablaufenden Handlungsstränge wieder gut gemacht, so dass man trotzdem auf einen Durchsatz von etwa 20-30 Nachrichten pro Minute kommt. Es entsteht ein eigenes Ökosystem mit eigenen Subkulturen, Hierarchien, Außenseitern, Klans und Dynastien. Jegliche zum Ziel führende Nachricht wird sofort von einem Schwall aus sinnlosen Zwischenrufen im Keim erstickt.

Dieses Chaos-Monster wurde dann versucht durch eine strawpoll.me - Umfrage zu bändigen und in eine Richtung zu drücken. Aber noch bevor der Erste überhaupt seine Stimme abgegeben hatte, wurde erneut diskutiert. Man solle doch lieber einen anderen Dienstleister für die Umfrage verwenden. Eine Umfrage führt doch auch nicht zum Ziel. Das sind nur einige neue Streitpunkte, die aufkommen. Ganz abgesehen, von den tausenden von neuen Vorschlägen, die inzwischen eingetroffen sind, aber natürlich nicht in der Umfrage zur Wahl stehen, weshalb unverzüglich eine Gegenumfrage auf der gleichen Platform gestartet wird, allerdings mit anderen Antwortmöglichkeiten.

Im Prinzip ist das Chaos-Monster der WhatsApp-Gruppe eine Figur der Griechischen Mythologie, nämlich Hydra, das Monster mit acht Köpfen. Sobald man einen der Köpfe abschlägt, wachsen dort sofort zwei neue Köpfe nach.

Sämtliche Versuche dieses Monster zu bändigen sind zum Scheitern verurteilt. Das Beenden einer Diskussion sorgt nur dafür, dass mindestens zwei neue anfangen. Aber weg von der WhatsApp-Gruppe als achtköpfige Hydra des 21. Jahrhunderts, zurück zum ursprünglichen Problem.

Inzwischen hatten sich dann doch irgendwie 6 Designs gefunden, über die man Abstimmen wollte. Na gut, irgendwie, das kann ich präzisieren. Ich habe einfach mal ein Bild gepostet. Dieses hier nämlich:

Sprüche

Dann gab es eine Abstimmung und seltsamerweise sogar keine Gegenabstimmung. Alleingänge lohnen sich wohl, dachte ich. Denn dann wurde das nächste Instrument der Trivialität ausgepackt: Das Vorwurfskarusel, auch beschrieben von Marc-Uwe-Kling in seinem Werk “Das Känguru-Manifest”. Das Vorwurfskarusel kann von jeder einfachen Frage gestartet werden und ist nur schwer zu stoppen. Das sieht dann etwa so aus. Person A übt Kritik am Design von Person B (mir). Diese Kritik war konstruktiv gedacht, so dass Person B die Gruppe fragt, ob es nicht besser wäre am Designvorschlag einige von Person A vorgeschlagene Änderungen durchzuführen. Person C hat allerdings etwas dagegen, und wirft das Vorwurfskarusel an. Dadurch werden zuerst Person A, dann Person B und als letztes alle anderen zum Abschuss freigegeben. Von Beleidigungen und völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Vorwürfen. (Damals in der 5. Klasse hast du auch schon immer…) bis hin zu Grundsatzfragen einer Demokratie wird nichts ausgelassen. Bis das Karusel wieder langsamer wird und wieder dort zum stehen kommt, wo es angefangen hat, sich zu drehen, nur, dass jetzt auch noch allen schlecht ist.

Vergleiche hierzu auch “Die Trockner-Theorie” des kommunistischen Kängurus: “Unzählige Umdrehungen in Höchstgeschwindigkeit erzielen kein Ergebnis außer heißer Luft.”

Nun, wo haben die Fahrgäste das Vorwurfskarusell verlassen? Ganz am Anfang. Es soll eine Diskussion geben, aber diesmal persönlich. In der Schule, mit Blickkontakt und echtem Anschreien, anstatt nur in Großbuchstaben zu schreiben.

Alle genannten Einflüsse werden noch durch einen wichtigen Faktor verstärkt, der bisher nicht erwähnt wurde: Die Zeit. Denn je kürzer die verbleibende Zeit, desto dringender der Sachverhalt, desto dringender die eigene Meinung, desto aggresiver die Besitzer der Meinungen. Während es bei der WhatsApp-Debatte ein weit entferntes Zeitlimit gab, im Bereich von ein paar Tagen, wird morgen klar sein: Nach 20 Minuten ist die Pause vorbei. Es wird schlimm werden, das weiß ich. Es wird zum Äußersten kommen.

Und was auch klar ist: Fortsetzung folgt. Ich sage nur Abimotto, Abizeitung, Abifilm.